"but I wasn´t a bad boy" - ein Film zum Jahrestag der Befreiung Sachsenhausens

In der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen erlebte ein von Schülerinnen und Schülern des Evangelischen Gymnasiums Neuruppin gedrehter Dokumentarfilm zum 62. Jahrestags der Befreiung am 22. April 2007 seine Premiere. In dem Halbstunden-Streifen befragen Zehntklässler Zeitzeugen.

Iris Knappe, Lehrerin für Politische Bildung und Deutsch am Evangelischen Gymnasium Neuruppin, berichtet.

Ein Leben in Sachsenhausen
Alle Interviews beleuchten ein Leben – das Leben von Menachem Kallus. Der Dokumentarfilm "but I wasn´t a bad boy", fragt, was man wissen konnte vom Konzentrationslager, wenn man in Oranienburg lebte, was man wissen konnte von der Arbeit der Häftlinge in den Heinkel Flugzeugwerken, was man wissen sollte vom Leben eines 11jährigen, der im Lager Sachsenhausen leben und arbeiten musste.

Vorbereitungen zum Filmprojekt
Bei unserem ersten Treffen mit dem Team  von Waidak media e.V. scheint noch alles in der Schwebe; dass am Ende unser erster eigener Dokumentarfilm stehen würde, glaubt noch keiner von den 11 Schülern des 10. Jahrgangs und wir sind uns da auch noch nicht so ganz sicher. Zuerst sehen wir uns gemeinsam einen anderen Schülerfilm an, der ebenfalls in Zusammenarbeit mit Waidak entstanden ist. Sofort wird deutlich, wie hoch der Anspruch an die eigene Arbeit sein wird, es entstehen in der Diskussion über diesen Film sofort viele neue Ideen - Überlegungen, die die filmischen Mittel bereits stark in den Mittelpunkt rücken.

Das Interview
Das Ausgangsmaterial für unseren Film ist ein Interview, das die Filmemacherin Loretta Walz mit Menachem Kallus, einem holländischen Juden, der aus einer assimilierten Familie stammt und bereits im Alter von 10 Jahren mit seiner Mutter nach Ravensbrück deportiert wurde, geführt hat. Er gelangte schließlich nur etwa 1 Jahr später allein nach Sachsenhausen. Dort wird er zur Zwangsarbeit in den Heinkel-Werken herangezogen. Ein Junge, noch jünger als die Schüler dieses Filmprojekts, der die Zeit im Konzentrationslager  überlebt hat und davon nun zum ersten Mal berichtet, nachdem er all die Jahre auch gegenüber seiner Familie geschwiegen hat.

Recherche vor Ort
Die Arbeit weitet sich in Sachsenhausen, dank unsrer Interviewpartner, schnell auf die Bedeutung der Heinkel-Werke für die Kriegsproduktion und die Frage der Bedeutung des Einsatzes von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen in der kriegswichtigen Industrie  aus.

An diesem einen Wochenende soll die Hauptarbeit geleistet werden; wir werden auf dem Gelände des ehemaligen Heinkel-Werkes und in der Gedenkstätte Sachsenhausen filmen und außerdem drei Interviews führen. Als Interviewpartner stehen uns zwei Zeitzeugen und ein Historiker zur Verfügung. Die beiden Zeitzeugen haben den Aufbau des Lagers beobachtet bzw. als Lehrling bei den Heinkel-Werken gearbeitet, so dass sie mit ihrem sehr persönlichen Zugang ein kleines Zeitpanorama bieten können. Herr Dr. Rohde hat sich, ausgehend von seiner Tätigkeit als Bauingenieur, intensiv mit der Geschichte der Heinkel-Werke auseinandergesetzt; es ergeben sich schnell Widersprüche zu der Erinnerungsarbeit der Zeitzeugen, die von den Schülern sehr bewusst wahrgenommen werden und auch im Film zum Ausdruck kommen sollen.

Noch ist es jedoch nicht soweit, der fertige Film noch in weiter Ferne. Zuerst gilt es der Dezemberkälte und der frühen Dunkelheit zu trotzen. Technische Details werden ebenso wichtig wie die inhaltliche Arbeit. Die Frage „Wie schaffe ich es, dass  eine Zoomaufnahme nicht zur Karussellfahrt wird?“ oder  „Wie setze ich die Handkamera sinnvoll ein?“  treten kurzfristig in den Mittelpunkt.

Zivilcourage oder die etwas anderen „Besucher“ der Gedenkstätte
Die raue Wirklichkeit holt uns ein, als wir aus einiger Entfernung eine Gruppe Neonazis beobachten, die sich an einem der Gedenksteine für die einzelnen Baracken zu schaffen machen. Wir können nicht erkennen, was genau geschieht, werden aber, als man bemerkt, dass man beobachtet wird, angepöbelt. Im Nachhinein entdecken wir Hakenkreuzschmiererei. Die Verhaftung erfolgt, nachdem wir Anzeige erstattet haben,  noch am Abend und wir verbringen den Samstagabend auf der Polizeiwache, um Zeugenaussagen zu machen.

Der Leiter der Gedenkstätte Herr Prof . Dr. Morsch berichtet, dass Vorfälle dieser Art, vermutlich aufgrund der hohen Aufklärungsraten, rückläufig seien. Für die Gruppe ist es auch die Bestätigung, dass das Projekt ein wichtiger, wenn auch kleiner Beitrag, zur Erinnerung auch und gerade für die Gestaltung der Zukunft ist.

Vor einem Berg von Filmmaterial
Dass auch nach diesem Wochenende noch einiges zu tun bleibt, wird bald deutlich. Das eigentliche Filmkonzept ist nun zwar vorhanden, es fehlt jedoch ein detailliertes Skript. Die einzelnen Passagen der Interviews müssen zusammengefügt werden, vieles wird schweren Herzens weggelassen, Kommentare müssen geschrieben werden, wo sollen Bilder eingefügt werden, wo die Interviewpartner zu sehen sein, welche Musik ist passend und und und.
Erschwerend kommt hinzu, alle diese Dinge werden nicht von einer Person entschieden, sondern in einem Diskussionsprozess zwischen 11 Schülern und 2 Lehrern, die freundlich als gleichberechtigte Diskussionsteilnehmer akzeptiert werden.
Schließlich werden alle Wünsche und „Forderungen“ an Knut Gerwers, unseren Mann für alle technischen Fragen von Kameraführung bis Schnitt, weitergereicht, der daraus den Rohschnitt fertigt. Nach einem erneuten umfangreichen Diskussionsprozess einigen sich alle Beteiligten auf letzte Änderungswünsche, der Schluss soll eine kleine Überraschung unseres „Schnittmaestros“ werden, die wir vor der Premiere noch nicht zu sehen bekommen.

Premiere
Im Hinblick auf die Premiere im Rahmen des Jahrestages der Befreiung  des Konzentrationslagers Sachsenhausen, direkt vor der zentralen Gedenkveranstaltung, stellen sich weitere, neue Herausforderungen; die Schüler übernehmen zum ersten Mal in diesem Rahmen die Begrüßung der Gäste und im Anschluss die Diskussionsleitung.

Die Resonanz der Besucher ist insgesamt sehr positiv. Die Schüler müssen Rede und Antwort zu ihrer Motivation, sich an diesem Projekt zu beteiligen stehen und erhalten gleichzeitig die Rückmeldung, dass sie auch inhaltlich an einem relevanten und durchaus umstrittenen Thema gearbeitet haben. Die Rolle der Industrie im Nationalsozialismus wird durch die Widersprüche, die die Interviews aufdecken, von ihnen immer wieder auch kritisch beleuchtet.

So ist ein sehr kritischer Film entstanden, der durchaus auch einen neuen Zugang zur Geschichte der Firma Heinkel anreißt.

Resümee zur Bedeutung des Projekts
Die didaktische Relevanz des Projekts ist nicht hoch genug einzuschätzen. Verschiedene Dimensionen des Lernens verbinden sich auf eine neue Weise. Insbesondere integriert das Projekt auch die religionspädagogische Dimension.

Immer wieder zeigt sich, dass gerade die Beschäftigung mit Einzelschicksalen zu einer viel intensiveren Auseinandersetzung anregt, als es bei der Beschäftigung mit historischen Zusammenhängen sonst jemals möglich ist.

„Wer einen Menschen rettet, rettet die ganze Welt.“, hat György Konrad einmal gesagt.
Den Opfern wieder ein Gesicht und einen Namen geben, wurde auf diese Weise zu einem erklärten Ziel des Projekts.

Vor diesem Hintergrund wird die Frage, die immer wieder, besonders auch von Schülern, gestellt wird, „Wo war Gott in dieser Zeit?“auf die andere ebenso wichtige Frage „Wo war der Mensch?“ zugespitzt. Von der Beantwortung dieser zweiten Frage, gerade auch heute, hängt letztlich die Beantwortung der ersten Frage ab und damit auch unsere Möglichkeiten Schülern Perspektiven aufzuzeigen, die ihr weiteres Handeln beeinflussen.

"Nie-wieder durch Erinnerung"
Gerade an einer konfessionellen Schule sind wir als Unterrichtende immer wieder als Persönlichkeit und Mensch gefragt und sollten über das „Nie-wieder durch Erinnerung“ der Geschichtsdidaktik hinaus zu Antworten kommen. Dass das Erinnern an die Shoa über eine Vermeidung der Wiederholung von Verfolgung und Massenmord noch hinausgehen muss, ist auch für unser Leben und unseren Glauben heute wichtig. Wenn wir uns nämlich fragen, wo war der Mensch, muss das letztendlich auch zu einem tätigen Glauben führen. „Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen!“, hat Bonhoeffer einmal sehr zugespitzt formuliert. Das heißt für unser Leben heute, dass wir im gesellschaftlichen Leben gefragt sind und uns zum Beispiel auch nicht in die private Nische unserer wohlbehüteten Evangelischen Schulen zurückziehen dürfen, sondern dass sich Einmischen auch eine Frage des Glaubens sein kann.    

Bezugsquelle für den Film:

Externer Linkwww.waidak.de