Naturwissenschaft und Religion - das "Evolutionsprojekt"
Was ist Evolution, was ist Schöpfung – und was verbindet sie? Seit 1993 findet an der Evangelischen Schule Frohnau vor den großen Ferien das „Evolutionsprojekt“ statt. Vier Tage lang widmen sich die Schüler und Lehrer der 12. Klasse aus den Fachbereichen Naturwissenschaften, Religion und Kunst den verschiedenen Aspekten des Themas. Das Projekt wurde 2009 beim Lehrerwettbewerb Asronomie "Sternstunden für Schüler" ausgezeichnet.
Verschiedene Blickwinkel
Das Anliegen des Evolutionsprojekts ist es, am Beispiel der Schöpfung verschiedene Wissenschaften und ihre Betrachtungsweisen zusammenzuführen. Physik und die Astronomie beschäftigen sich mit den Zusammenhängen von Raum und Zeit. Mit Hilfe der Thermodynamik lassen sich Aussagen darüber machen, welchen Zielen die materielle Welt folgt. Die Chemiker zeigen in Schülerexperimenten, wie sich aus einfachen Molekülen komplizierte Verbindungen bilden können. Biologen thematisieren Theorien der Entstehung und Weiterentwicklung des Lebens. Religionspädagogen diskuttieren die Frage nach Gott in der Evolutionstheorie und inwieweit aus Bewusstsein die Fähigkeit zu freier Entscheidung hervorgeht und ob sich daraus wiederum eine Verantwortung für die Schöpfung ableiten lässt.
Zu Füßen des Ischtar-Tors
Der Tag beginnt jeweils mit gemeinsamer Meditation, Gymnastik oder Entspannung und endet mit einem kurzen Plenum. Die Religionslehrer starten den 'Reigen' der Evolutionstage im Berliner Pergamon-Museum. Zu Füßen des babylonischen Ischtar-Tors erfahren die Schüler Wesentliches über den biblischen Schöpfungsbericht, den Israel im Exil aus der Kenntnis des babylonischen Weltentstehungsmythos und im bewussten Kontrast dazu geformt hat.
Urknall und Schöpfung
Der 'Urknall' führt dann in die naturwissenschaftliche Betrachtung. Der Doppler-Effekt hilft, den Schülern die Entstehung der Urknall-Hypothese verständlicher zu machen. Wie in einer Zeitreise lernen sie die anschließenden Stufen der kosmischen Evolution kennen. Viele Fragen bleiben offen. Gibt es mehrere Universen? Wohin führt die Expansion unseres Weltraumes?
Vom Atom zum Universium
Der Staffelstab wird vom Physiklehrer an seinen Chemiekollegen weitergegeben.
Der Block "Chemische Evolution" beginnt mit dem MILLER-Versuch, der die Ur-Atmosphäre simuliert. Aus einfachen Molekülen entstehen organische Moleküle höherer Komplexität. Mit Hilfe mehrerer Experimente lernen die Schüler die Problematik der Selbstorganisation der Materie bis hin zu lebenden Systemen kennen. Die Wahrscheinlichkeiten hierfür scheinen so gering zu sein, dass der große "Wurf" möglicherweise im Universum die große Ausnahme ist.
Wie kam der Geist auf die Welt?
Aus dem Biologieunterricht der 10. Klasse haben die Schülerinnen und Schüler bereits fundiertes Wissen über die biologische Evolution. Das ermöglicht es weiterführende Fragen zu diskuttieren, "Wie kam Geist auf die Welt?" oder "Lässt sich etwa die Entstehung von 'Geist', von Bewusstsein und religiösen Vorstellungen mit der klassischen Evolutionstheorie deuten?
Chaos und Ordnung
Nun kommt noch einmal die Physik zum Zuge kommt, und zwar mit Hilfe eines einfachen Experiments: Erwärmt man ein Gemisch von Paraffin und Aluminiumstaub auf einer Heizplatte, so entstehen in der Flüssigkeit zellähnliche Konvektionsmuster - aus Chaos bildet sich scheinbar spontan Ordnung. Wird mit der Bernard-Oszillation ein allgemeines Evolutionsprinzip sichtbar? Wenn dem so wäre, wäre das Ziel der Weltdynamik der schnellstmögliche 'Wärmetod'. Die Welt 'schlüge sich die Zähne ins eigene Fleisch', wie Schopenhauer sagt und entfaltete zu diesem Zwecke, befristet, eine 'positive' Evolution maximaler Blüte...
Die Frage nach Gott
An dieser Stelle beginnt die Diskussion interessant zu werden. Wer hätte je gedacht, dass die Thermodynamik derartig 'heiße' Argumente liefern kann! Und wo finden wir dann Gott? Ist er ein Lückenbüßer, der immer an den Stellen platziert wird, die für uns momentan noch nicht naturwissenschaftlich erklärbar sind? Führt ein solches Gottesbild nicht dazu, dass er mit steigendem Wissensfortschritt immer mehr Terrain aufgeben muss und die Wissenschaft an seine Stelle tritt? Oder suchen wir Gott neutestamentlich mitten unter uns, bei den 'geringsten' Brüdern und Schwestern?
Evolution und Schöpfung
Der von den Religionskollegen 'verantwortete' Teil des Projekts steht unter der polarisierenden Überschrift: Schöpfung oder Evolution? Die Bibel konzentriert sich auf Gottes schöpferisches Heilswirken, das den Menschen den Weg weisen will. Das ist ein schöpferischer Prozess, der ebenso offen ist wie der naturwissenschaftlich erschlossene Prozess der Evolution. Wir haben viel erreicht, wenn Schülerinnen und Schüler am Ende des Projektes verstehen, dass Schöpfung kein abgeschlossener Vorgang ist, sondern dass sie Tag für Tag weitergeht und wir in ihr und nicht nach ihr leben. Und ist die geistige Entwicklung des Menschen nicht auch Teil der naturwissenschaftlichen 'Evolution'?
Schöpfung bewahren – Leben gestalten
Nachdem sich in der rein biologischen Evolution des Menschen in den letzten 40000 Jahren keine gravierenden Veränderungen mehr ergeben haben, lohnt sich ein Blick auf die Bedeutung der biblischen Botschaft für die geistig-kulturelle Evolution der Menschheit. So gesehen ist es auch ein "Evolutionssprung" wenn die Bibel dem darwinschen 'Survival of the Fittest' die Ethik der Bergpredigt gegenüber stellt. Die Evolution der Menschheit kann nicht stehen bleiben beim biologischen 'Überleben', sondern muss 'Leben' heißen im Sinne von 'gutes Leben'. Damit sind nicht beide, die Evolution der Bibel und die der Naturwissenschaftler identisch gesetzt, aber beide sind ins Gespräch miteinander gebracht... Wir erfahren jedes Jahr aufs Neue, dass die Diskussion um unterschiedliche Auffassungen und die Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen Phänomenen anregt, über das Bild von Gott und der Welt neu nachzudenken.
Ein Bericht von Roland Künzel, Chemie- und Biologielehrer der Evangelischen Schule Frohnau.
Diesen Artikel finden Sie ungekürzt auch in der Zeitschrift "
Klasse, die Evangelische Schule"


