Köpenick: 74 Schüler*innen verzichteten drei Wochen freiwillig auf ihr Handy 

Während Deutschland über ein mögliches Handyverbot an Schulen diskutiert und über eine Altersgrenze für Soziale Medien nachdenkt, macht die Evangelische Schule Köpenick den Praxistest: 74 Schüler*innen der Evangelischen Schule Köpenick schalteten am 4. März 2026 gemeinsam ihr Smartphone aus, um drei Wochen lang darauf zu verzichten. 40 weitere waren in einer Vergleichsgruppe, die ihr Mobilgerät weiterhin nutzten

Gespannt warteten die Schüler*innen auf ihrem Schulhof auf das Signal. Das Lied „The Final Countdown“ läutete den Start des Handyexperiments ein. Die Lehrerin Ricarda Schlomka zählte laut von zehn auf null runter, dann war es soweit: 74 Schüler*innen aus den Jahrgangsstufen 6, 7 und 9 sowie sechs Oberstufenschüler*innen schalteten gemeinsam ihr Smartphone aus. Damit verschwindet es für drei Wochen in der Obhut ihrer Eltern. Tastenhandys und Laptops sind weiterhin erlaubt, sollen aber möglichst nicht als Ersatzmedien genutzt werden.

Die beiden 13-jährigen Schülerinnen Lara und Svea aus der 7c beteiligen sich am Experiment, weil sie selber weniger Zeit an ihrem Handy verbringen möchten. Ihre momentane Bildschirmzeit mit zwei Stunden pro Tag ist noch überschaubar. Allerdings gesteht Svea: „Ich selber nutze mein Handy manchmal nur aus langer Weile und das finde ich nicht gut.“ Was ihr Sorge bereitet ist, dass sie nun aufgrund ihrer Handyabgabe wichtige Termine oder Hausarbeiten verpassen könnte.

Gemeinsames Ausschalten der Smartphones auf dem Schulhof
Foto: Christoph Eckelt

Die Jugendlichen sollen ermutigt werden, ihre eigenen Verhaltensmuster kennenzulernen und werden dabei von ihren Eltern und den Lehrkräften unterstützt. Vor und nach dem Experiment nehmen sie teil an einer anonymen Online-Befragung. Zur wissenschaftlichen Vergleichbarkeit gibt es auch eine Kontrollgruppe, die ihr Smartphone während dieser 21 Tage wie gewohnt nutzt. So lassen sich die Veränderungen in beiden Gruppen besser messen.
Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet von der Suchtklinik Anton Proksch und der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien. In der Zwischenzeit dokumentieren die Teilnehmer*innen ihre Erfahrungen vor, während und nach dem Projekt in einem digitalen Tagebuch.

Drei Schüler*innen der 9. Klasse, die sich an dem Experiment beteiligen
Foto: Christoph Eckelt

Auch Helene und Rosa aus dem 12. Jahrgang beteiligen sich an dem Projekt. Helene möchte wieder mehr Zeit für sich selbst bekommen. Ihre Bildschirmzeit beträgt pro Tag rund fünf Stunden, zwei Stunden davon sind reine Social Media Zeit. Rosa geht es ähnlich. Auch ihre Bildschirmzeit am Handy beträgt täglich etwa fünf Stunden. Jetzt, wo das Wetter wieder schöner wird, möchte sie gerne die Zeit nicht am Handy, sondern lieber draußen mit Freunden verbringen.

Der Schulleiter Michael Tiedje begrüßt das Projekt: „Ich finde das Projekt wunderbar, weil ich glaube, dass die Schüler*innen dabei ganz wertvolle Erfahrungen sammeln werden. Einschränkungen bedeuten auch, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, um auch für sich selbst herauszufinden: Was brauche ich wirklich in meinem Leben und worauf kann ich verzichten?“

Ob Netflix, TikTok oder Instagram – die Evangelische Schule Köpenick geht bereits seit zwei Jahren einen eigenen Weg: Alle Schüler*innen der Jahrgangsstufen fünf bis zehn müssen vor Unterrichtsbeginn ihre Handys in sogenannte Handyboxen einschließen. Erst nach dem Unterricht dürfen sie ihre Handys wieder entnehmen. Die Schulleitung überlegt nun, ob die Regel auch auf die Jahrgangsstufen elf und zwölf ausgeweitet wird. Denn gerade bei ihnen beobachten die Lehrkräfte eine zunehmend exzessive Handynutzung – gerade in den Pausen oder Freistunden.

Der österreichische Initiator Fabian Scheck (li) und der Schulleiter der Evangelischen Schule Köpenick Michael Tiedje
Foto: Christoph Eckelt

Wäre ein Social Media Verbot ab 14 Jahre ein erster Ansatz, um das Suchtproblem in den Griff zu bekommen? Schulleiter Tiedje meint: „Man sollte rechtzeitig auch im Unterricht die Themen und die damit verbundenen Gefahren behandeln, aber letztlich liege die Verantwortung auch in den Familien selbst.“

Die beiden 17-jährigen Helene und Rosa finden ein Social Media Verbot übrigens sinnvoll, da auch sie in ihrem Bekanntenkreis sehen, dass bereits vierjährige ein Kindertablet vorgesetzt bekommen, um beschäftigt zu werden. „Da hilft Prävention und Aufklärung nur bedingt“, so Rosa: „Hier fände ich ein Verbot echt sinnvoll.“

Beide Schüler*innen erhoffen sich von dem Experiment mehr Ruhe und Gelassenheit, denn sie selbst merken, sobald das Handy in der Hosentasche griffbereit ist, greifen sie automatisch danach, um zu sehen, ob sie schon wieder irgendwelche Benachrichtigungen erhalten haben.

Und nach den drei Wochen? Am 24. März endete das Projekt und die Schüler*innen schalteten gemeinsam ihre Handys wieder ein. Der Schulleiter Michale Tiedje lobte die Teilnehmer*innen: „Das habt ihr toll gemacht! Die meisten von euch haben durchgehalten und wir sind als Schule sehr stolz darauf, dass ihr mitgemacht und euch dieser Herausforderung gestellt habt.“

Schüler*innen beim Einschalten ihres Handys
Foto: Tanja Tschierse

Rosa zieht ein überwiegend positives Resultat: „Ich hätte nicht geglaubt, wie stark man tatsächlich von seinem Handy abhängig ist – allein durch die Nutzung von WhatsApp und den anderen Nachrichtendiensten. Das war für mich vorher einfach existenziell und nun musste ich plötzlich ohne auskommen. Das war anfangs ziemlich hart.“ Aber der positive Effekt hätte sich bezahlt gemacht: „Ich war auf jeden Fall weniger gereizt und habe besser geschlafen. Ich hatte dadurch einen viel entspannteren Start in den Tag“, so die Schülerin. Auch mit ihrer Familie habe sie mehr unternommen, zusammengesessen und gekocht. Aber trotzdem sei sie froh, dass sie ihr Handy jetzt wieder zurück habe.

Auch die 17-jährige Franka hat überwiegend positive Erfahrungen gesammelt:„Ich würde es auf jeden Fall jedem empfehlen! Das Leben hat sich wieder wie ein richtiges angefühlt, alles wurde menschlicher. Selbst das Einkaufen ohne Liste wurde zum Abenteuer.“ Ihr Resümee: „Ihr verpasst was mit dem Handy! Macht die Augen auf und schaltet eure Handys aus. Ich habe kostbare Lebenszeit zurückbekommen und mochte diese auch in Zukunft nicht mehr durch mein Handy verlieren!“

Beide sind sich einig, dass sie ohne Handy mehr Freiheit zurückerlangt haben. Mit dem Handy sei man ständig erreichbar und müsse antworten: „Da ist dieser unmittelbare Druck, dem man ausgesetzt ist“. Ohne Handy konnten sie endlich mal abschalten und die Dinge um sie herum wahrnehmen – ob in der U-Bahn die Menschen oder in der Natur die Vögel.

Was nehmen sie mit in die Zukunft? „Ich habe gecheckt, dass ich mein Handy nicht überall mitnehmen muss“, so Rosa. Und Franka stellte fest, dass ihre Aufmerksamkeitsspanne durch den Handyverzicht gestiegen ist. Sie hat sich vorgenommen, wieder mehr Bücher zu lesen und einfach öfter in den direkten Austausch mit ihren Mitmenschen vor Ort zu gehen.

Für die meisten der teilnehmenden Schüler*innen ist die Erkenntnis klar: Während der drei Wochen ohne Handy hatten sie mehr Zeit für Freunde, Familie und Hobbys– und das sehen viele als Geschenk und möchten es auch in Zukunft beibehalten.

Das sogenannte „Handyexperiment“ ist ein Projekt zur bewussten Handynutzung und digitaler Achtsamkeit, das ursprünglich aus Österreich stammt. Die Schüler*innen sollen dabei erfahren, wie sich der Verzicht auf das Smartphone, auf Konzentration, Schlaf oder Wohlbefinden auswirkt. Die Idee ist, dass sie vor allem auf die Sozialen Medien wie WhatsApp, Insta, TikTok und Co in der Zeit verzichten. Initiiert wurde das Projekt durch den Biologielehrer Fabian Scheck, der live vor Ort in der Evangelischen Schule Köpenick war und die Schüler*innen ermutigte: „Seid selber smart! Ihr werdet unglaubliche Erfahrungen machen. Ich freue mich, dass ihr so mutig seid und mitmacht.“

Das erste Handyexperiment fand im Jahr 2025 in Österreich statt: Drei Klassen am Konrad-Lorenz-Gymnasium in Gänserndorf verzichteten 21 Tage auf ihr Smartphone. Das Projekt wird seitdem vom österreichischen Bundesministerium für Bildung begleitet. Wissenschaftlich wird das Projekt von der Suchtklinik in Wien betreut, die nach den Auswertungen schon letztes Jahr eindeutige Zusammenhänge zwischen dem Verzicht auf das Smartphone, der Steigerung des psychischen Wohlbefindens sowie der Zunahme sozialer Aktivitäten aufzeigten.

Dieses Mal haben sich mehr als 70.000 Schüler*innen aus Österreich, Deutschland, Südtirol, Liechtenstein und der Schweiz für das Experiment angemeldet. Das Projekt endet am 24. März 2026. Danach beginnt die Auswertung. Die Ergebnisse werden Ende Mai 2026 erwartet.

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