Zeitzeuge Andrej Iwanowitsch Moiseenko zu Besuch in der Evangelischen Schule Berlin Zentrum

 „Steht auf und seid aktiv!  Es ist an euch, die Zukunft zu gestalten und dafür zu sorgen, dass so etwas nie mehr passiert!“ Andrej Iwanowitsch Moiseenko berichtete über seinen KZ-Aufenthalt in Buchenwald und über sein Leben als Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkriegs. Rund 200 Schüler*innen der Evangelischen Schule Berlin Zentrum – kurz ESBZ – kamen mit dem Holocaust-Überlebenden, Anfang Dezember 2025, ins Gespräch.

Woher haben Sie die Kraft genommen, Buchenwald zu überleben? Was gab Ihnen Hoffnung? Wie gelingt es einem menschlich zu bleiben bei all der Gewalt, die man erlebt hat?  Den Schüler*innen der Jahrgänge 12 und 13 gingen die Fragen nicht aus. Gespannt hörten sie Moiseenko zu, als er von seinem Leben erzählte.

99 Jahre alt ist er inzwischen, körperlich und geistig fit. Seine Mutter verlor er schon früh und sein Vater fiel 1941 im ersten Kriegsjahr. Er war gerade 15 Jahre alt, als er auf der Suche nach Nahrung für seine sieben Geschwister von deutschen Soldaten in seinem Heimatdorf in der Ukraine in der damaligen Sowjetunion aufgegriffen und als Zwangsarbeiter in das Deutsche Reich verschleppt wurde. In Leipzig musste er für die Rüstungsfirma HASAG arbeiten. Im Februar 1944 wurde ihm vorgeworfen einer Widerstandsgruppe anzugehören. Die Gestapo steckte ihn daraufhin in das KZ Buchenwald. Unter lebensfeindlichen Bedingungen leistete er dort bis zum Herbst 1944 Schwerstarbeit im Steinbruch. Nach der Befreiung durch die Amerikaner im April 1945, wurde er im Juli 1945 als Soldat in die Rote Armee eingezogen und leistete seinen Militärdienst in Babrujsk (Belarus) und Minsk ab. Danach absolvierte er ein Studium an einer Abendschule.

Regisseur Hannes Farlock im Gespräch mit Moiseenko

Die Schulleiterin Caroline Treier betonte: „Das ist ein ganz besonderer Moment für uns: Vielen Dank, dass Sie gekommen sind und heute Ihre Erinnerung, Ihren Schmerz und Ihre sehr beeindruckende Lebensfreude mit uns teilen.“


Moiseenko kam auf Einladung der Mutter Christine Krüger, die der „Initiative gegen rechts“ angehört, zusammen mit dem Regisseur Hannes Farlock, in die Evangelische Schule Berlin Zentrum. Dieser hatte 2018 einen Dokumentarfilm über Moiseenko gedreht. Farlock ist unter anderem in Schulen unterwegs, um die Schüler*innen über das Schicksal der Zwangsarbeiter aufzuklären. Er selbst lebte mehrere Jahre in Belarus und begleitete Moiseenko. Auch der Kameramann war mit dabei: Er ist ein Dissident aus Belarus. Anlässlich Moiseenkos 100. Geburtstag am 1. Mai 2026 entsteht gerade ein neuer Film über ihn, aus dem die Schüler*innen auch einige Ausschnitte zu sehen bekamen.

Schulleiterin Caroline Treier dankt Moiseenko und Farlock
Die Schüler*innen sehen sich den Dokumentarfilm über Moiseenko an

Im Anschluss an den Film waren die Schüler*innen sehr beindruckt. Philin wollte wissen, was der Auslöser war, dass er nach all den Jahren des Schweigens endlich anfing über sein Schicksal zu reden. Damals durfte er nicht über seinen Aufenthalt im KZ erzählen, weil er dann weder hätte studieren dürfen noch Arbeit gefunden hätte. Obwohl er nie einer Widerstandsgruppe angehört hatte, wäre er dafür bestraft worden. „Ich konnte erst darüber reden, als in den 2000er Jahren die deutsche Bundesregierung anfing, die Schuld einzugestehen und für die Zwangsarbeiter Entschädigungszahlungen leistete. Davor war es ein absolutes Tabu darüber zu reden“, so Moiseenko. Bis dahin konnte er selbst seiner Frau und seinen Kindern nicht davon erzählen. Das tat er erst, als er eine Entschädigung in Höhe von 7500 Euro bekam. Das Sprechen darüber habe ihm sehr geholfen: „Ich konnte so viel loslassenvon meinem Herzen, von meiner Seele. Ich bin dadurch ein freier Mensch geworden.“

Die ukrainische Schülerin Yevgenia befragt Moiseenko und übersetzt für ihre Mitschüler*innen

Moiseenko ist einer von 20 Millionen Menschen, die während des Zweiten Weltkriegs im besetzten Europa und im Deutschen Reich Zwangsarbeit für Deutschland leisten mussten, meist unter menschenunwürdigen Bedingungen. Viele überlebten die Zwangsarbeit nicht.

In Belarus, wo Moiseenko heute lebt, gilt er als der letzte Überlebende. Seine Botschaft an die Schüler*innen formuliert er klar: „Ihr seid eine neue Genration. Ihr solltet euch täglich mit der Geschichte auseinandersetzen. Steht auf und seid aktiv!  Es ist an euch, die Zukunft zu gestalten und dafür zu sorgen, dass so etwas niemals mehr passiert!“  
Auch auf die Frage von Florin hat er eine Antwort: Wie es ihm gelänge, trotz der erlebten Gewalt menschlich und zuversichtlich zu bleiben und darüber zu reden? „Seid reinen Herzens, gerecht, offen und ehrlich. Diese Grundeinstellung bewahrt einem die Menschlichkeit und erleichtert das Sprechen darüber.“

Andrej Iwanowitsch Moiseenko bei seinem Besuch in der ESBZ
Alle Fotos: Christoph Eckelt

„Woher haben Sie all die Kraft genommen, um Buchenwald zu überleben?“ wollte Jakob wissen. 80 Prozent der Gefangenen in Buchenwald seien ein Schatten ihrer selbst gewesen – ihnen ging es sehr schlecht, so Moiseenko.  Nur wenige seien in der Lage gewesen, miteinander zu sprechen: „Ich habe mich gezwungen immer weiterzumachen, jeden Tag neu aufzustehen, positiv zu bleiben, dafür zu sorgen, dass die negativen Gedanken nicht überhandnehmen und vor allem habe ich die Hoffnung niemals aufgegeben!“ Dabei habe ihm auch sein Glaube geholfen. 1926 wurde er getauft: „Deshalb bin ich wahrscheinlich noch am Leben, weil ich glaube!“

Heute ist Andrej Iwanowitsch Moiseenko in der Geschichtswerkstatt Minsk und im Club der Liebhaber der deutschen Sprache aktiv. Zu den Jahrestagen der Befreiung besucht er die Gedenkstätte Buchenwald.

Bald wird auch er in der Ausstellung „Gegen das Vergessen“, die zurzeit auf dem Schulhof der ESBZ zu sehen ist, auf einem überlebensgroßen Porträt zu sehen sein, als einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen. Unter dem Titel „Gegen das Vergessen“ zeigt der deutsch-italienische Fotograf und Filmemacher Luigi Toscano eine Auswahl seiner eindrucksvollen Porträts von Überlebenden der NS-Verfolgung. Die Wanderausstellung ist Teil eines weltweiten Erinnerungsprojektes, das bereits Station in Städten wie New York, Washington, Paris und Wien gemacht hat.

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