Wehrpflicht ja oder nein? Schüler*innen der Evangelischen Schule Neukölln sprechen sich klar dagegen aus
Um ihren eigenen Stimmen mehr Gehör zu verschaffen, organisierten Schüler*innen des 12. Jahrgangs eine Podiumsdiskussion zum Thema „Wehrdienst und Politik der Zeitenwende – ist unser Land auf dem richtigen Weg?“. Die beiden 18-jährigen Schüler*innen Edda und Jonathan moderierten die Diskussion, zu der sie den Polit-Influencer Simon David Dressler, die Direktorin der Evangelischen Akademie zu Berlin, Dr. Friederike Krippner, den Jugendoffizier der Bundeswehr, Mike Siebert und den Kriegsdienstgegner Sascha Baumann eingeladen hatten.
Das Thema beschäftigt zurzeit viele Schüler des Geburtsjahrgangs 2008, die in diesem Jahr
18 Jahre alt werden. Auch in der Evangelischen Schule Neukölln haben bereits die ersten Schüler den Fragebogen der Bundeswehr erhalten.
Da passt es gut, dass der Jugendoffizier Mike Siebert zu Beginn um seine Position zu der derzeitigen Debatte gebeten wird. Der 29-Jährige hatte sich damals gleich nach dem Abitur freiwillig für einen Dienst bei der Bundeswehr entschieden, um Verantwortung zu übernehmen. Mit 21 führte er bereits eine Truppe an und musste weitreichende Entscheidungen treffen. Da er aber selber in Friedenszeiten gedient hat, ist auch für ihn der Krieg eher ein „Schreckgespenst“: „Auch wenn ich mich dafür verpflichtet habe: Meinen Sie wirklich, dass irgendjemand von uns gerne in den Krieg zieht? Das ist der allerletzte Ausweg!“ Aber natürlich sei er im Ernstfall bereit, sein Versprechen einzulösen und sein Land und die Bürger mit der Waffe zu beschützen. Ein wichtiger Aspekt sei für ihn jedoch die Freiwilligkeit: „Für mich funktioniert das nur, wenn sich die Leute freiwillig melden.“ Einen Dienst unter „Zwang“ kann er sich nicht vorstellen.

Als überzeugter politischer Aktivist und Influencer sieht Simon David Dressler die Debatte um die Wehrpflicht aus einem anderen Blickwinkel: Er selber würde niemals „sein Vaterland“ mit der Waffe verteidigen. Nicht, weil er überzeugter Pazifist ist, sondern weil er nicht sieht, dass die Regierung und die Obersten an der Macht seine Werte vertreten: „Denn in einem Krieg der kapitalistischen Staaten werden die Interessen der Mächtigen und Finanzstarken vertreten, jedoch nicht die der Bürger – weder meine noch eure. Die Zukunft liegt in einer Welt, in der nicht für Profit gewirtschaftet wird, sondern für die Bedarfe von uns allen.“ Und dafür lohne es sich zu kämpfen.
Er selbst studierte fast ausschließlich während der Coronakrise online zuhause. Dann kam die Zeitenwende und die Politiker forderten die Jugend plötzlich auf, etwas zurückzugeben, obwohl fast alles an ihm vorbeigegangen war. Das findet er ungerecht: „Das war der Moment in meinem Leben, in dem ich mich entschied, dagegen etwas zu tun!“ Seitdem ist er als Influencer aktiv. Inzwischen gilt er als einer der einflussreichsten Stimmen zu diesem Thema und wird oft zu Talkshows und Podiumsdiskussionen eingeladen.
Am Beispiel der Ukraine sehe er, dass im Kriegsfall das Recht auf Kriegsdienstverweigerung „modifiziert“ oder sogar ganz ausgesetzt wird. Zwangsrekrutierungen seien dort inzwischen an der Tagesordnung, obwohl viele junge Menschen nicht mehr kämpfen wollen. Und das mache ihm Angst. Denn Im Kriegsfall beruhe das Verhältnis zwischen Staat und seinen Bürgern auf Zwang und Gewalt: „Im Kriegs- und Verteidigungsfall setzt sich der Staat über die Interessen und Freiheiten seiner Bürger hinweg – auch über eure!“
Noch klarer positioniert sich Sascha Braumann gegen die Wehrpflicht. Er wurde als 19-Jähriger direkt nach der Wende als Ostdeutscher von der Bundeswehr eingezogen. Da er seinen Widerspruch einen Tag zu spät abgegeben hatte und sich dem Wehrdienst total verweigerte, kam er in das Bundeswehrgefängnis. Inzwischen engagiert er sich bei der Organisation „Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen“. Krieg ist für ihn nie eine Lösung. Die Vergangenheit zeige, dass die meisten Regimestürzungen gewaltfrei über die Bühne gingen– mit zivilem Widerstand: „Wenn 3,5 Prozent der Bevölkerung auf die Straße gehen und sich gegen das Regime wenden, reicht das aus und das Regime hat keine Chance mehr.“ Er selbst hat drei Söhne und möchte nicht, dass sie an der Front sterben. Nur immer weiter aufrüsten und Waffen liefern sei für ihn kein Ausweg: „Wir können nicht einen Krieg über Jahre lang finanzieren, bis keiner mehr lebt – das funktioniert so nicht!“
Aber alleine durch zivilen Widerstand lasse sich in einer Welt mit „Trumps“ und „Putins“ leider kein Frieden erreichen, so Dr. Friederike Krippner, Direktorin der Evangelischen Akademie Berlin und Mitautorin der EKD-Friedensdenkschrift. Frieden sei ein sehr komplexer Prozess: „Frieden ist dann, wenn alle in Freiheit leben können, wenn Not abgebaut wird und auch in einer diversen, pluralen Welt alle gleichberechtigt leben können.“ Dazu bedarf es mehr als einfach nur zu sagen: Legt die Waffen nieder!
Zwar sei für sie und die Evangelische Kirche immer eine friedliche Lösung in Konfliktsituationen der Vorzug zu geben. Aber in der Neupositionierung der EKD (Evangelischen Kirche in Deutschland) heiße es, dass in bestimmten politischen Situationen Waffenlieferungen ethisch vertretbar seien. Krippner betont: „Auch zur Bundeswehr gibt es eine klare Haltung der EKD. Das Statement der Präses Anna-Nicole Heinrich verdeutlicht, dass sowohl der Dienst bei der Bundeswehr ein Friedensdienst sein kann als auch Kriegsdienstverweigerung. Aber das Recht auf Kriegsdienstverweigerung ist ein fundamentales. Keiner darf zum Dienst an der Waffe gezwungen werden – das ist unethisch.“ Jedoch sei für sie auch klar, dass an die Stelle der Kriegsdienstverweigerung ein Ersatzdienst treten müsse, der der Gesellschaft zugutekomme.

Fotos: Tanja Tschierse
Für alle auf dem Podium ist klar, dass das Geld, das zurzeit in die Aufrüstung gesteckt wird, viel sinnvoller verwendet werden könnte und es eigentlich „verbranntes Geld“ ist. Dennoch ist Vielen klar, dass es funktioniert: „Leider komme ich immer wieder zu dem Schluss, dass wir im Hinblick auf die aktuelle Weltlage auch in Abschreckung investieren müssen – auch wenn es an anderer Stelle, wie etwa Bildung, sinnvoller wäre“, betont Krippner.
Zum Schluss wurden die rund 150 Schüler*innen in der Aula gebeten per Handy ihre Stimme abzugeben. Auf die Frage „Hältst du den Wehrdienst für sinnvoll?“ antworteten 72,4 Prozent mit Nein. Nur 27,5 Prozent der anwesenden Schüler*innen halten den Dienst für sinnvoll. Und auf die Frage „Würdest du Wehrdienst leisten?“ antworteten sechs Prozent mit Ja. 94% der Schüler*innen möchten keinen Wehrdienst leisten.
Das überrascht Jungoffizier Siebert in keiner Weise: „Tatsächlich sind die sechs Prozent genau die Zahl, die das Freiwilligenmodell funktionieren lassen würde!“



